Denn die Vernunft ist, wenn sie allein waltet, eine einengende Kraft

und unbewacht

ist die Leidenschaft eine Flamme, die bis zur Selbstzerstörung brennt.

(Khalil Gibran)

An Burnout zu erkanken ist ein Entwicklungsprozess, er ist nicht "morgen einfach da".

Als Assistentin der Geschäftsführung mit Leitungsfunktion nahm meine tägliche Arbeitsbelastung drastisch zu. Der Zeitdruck wurde deutlich höher, denn das große Pensum, was ich zu leisten hatte, sollte in einem immer enger gesteckten Zeitrahmen erledigt werden. Mir kam es vor, als seien meine Arbeitstage wie Wellen, die über mich hereinbrachen, mal war es eine kleine, obwohl ich mich auf eine große Welle eingestellt hatte und dann war es wieder eine große Welle, obgleich ich mich auf eine kleine einstellte. Die Verantwortung, die ich zu tragen hatte, wuchs.

Einerseits kamen immer mehr Projekte hinzu, von denen ich keine Ahnung hatte, wie ich diese angehen sollte, da ich in manch neuen, sich daraus ergebenen Arbeitsfeldern keinerlei Erfahrung hatte. Dennoch wurde von mir verlangt, mich mit diesen auseinander zu setzen ohne jedwede Unterstützung. Die Projekte mussten – egal wie – in den laufenden Arbeitsalltag integriert werden. Ohne Überstunden war das überhaupt nicht mehr möglich. Immer öfter nahm ich Arbeit am Wochenende mit nach Hause, um überhaupt noch eine Chance zu haben, mein Pensum zu schaffen. Nachts wachte ich immer häufiger auf, weil ich meinte, ich hätte etwas wichtiges vergessen und ich machte mir Notizen über Dinge, die ich am nächsten Tag unbedingt erledigen wollte. Andererseits nahm die Komplexität und die damit einhergehende Unüberschaubarkeit der Arbeitsabläufe und -zusammenhänge zu, da die Firma einfach zu rasant expandierte. Zunehmend litt das Klima untereinander darunter, denn durch den ständigen Zeitdruck wurde ich selbst immer angespannter, fühlte mich gestresst und allein gelassen. Ich hatte das Empfinden, jeder zieht und zerrt an mir herum und ich sollte und wollte überall zur gleichen Zeit sein. Das entging meinen Kollegen natürlich nicht. Die Meisten hatten kein Verständnis für meine Situation, war mein Aufgabengebiet für sie längst nicht mehr zu durchschauen und überhaupt hatten sie Schwierigkeiten damit, dass Eine, die mal in der Buchhaltung angefangen hat, es hat so weit in der Firma bringen können. Ich hatte viele Neider und nur ganz wenige, die an meiner Seite waren.
Ich fühlte mich erschöpft und ausgelaugt und wurde krank. Mein Arzt zog mich sechs Wochen aus dem Verkehr.

Die Zeit nutzen, um runter zu fahren, zur Ruhe zu kommen, einfach mal locker lassen – das war mein Ziel und danach werde ich ganz sicher wieder voll da sein – davon war ich überzeugt.

Im Folgejahr Die ständige Erreich- und Verfügbarkeit wurden zum festen Bestandteil meines Alltags, innerhalb meines "Privatlebens" inklusive. "Null Problemo" im Zeitalter der Blackberry´s und Labtops. Die Termin- und Zeitnot nahm weiter zu. Das Arbeitsklima wurde mit der Zeit noch unpersönlicher und belastete mich sehr, zudem es jetzt auch intrigant wurde. Es folgten ständig andere Anweisungen, schnell wechselnde Anforderungen standen auf der Tagesordnung, organisatorische Umstellungen wurden vorgenommen, ohne mich in die Entscheidung mit einzubeziehen. Und lief es nicht so, wie gedacht, wurde ich dafür verantwortlich gemacht.
Ich sah meine Grenzen zunehmend überschritten, meinen Einsatz, meine Initiative und mein Engagement nicht gewertschätzt. Ich kam mir vor wie ein Hamster im Rad. Ich fühlte mich überfordert, leicht reizbar und spürte unterschwellige Aggression. Auch sah ich mein Umfeld wenig wohlwollend. Es schien als würde jeder gegen jeden sein, kein gemeinsamer Zug mehr in eine Richtung. Als kenne jeder nur noch seine Rechte und wollte von seinen Pflichten nichts mehr wissen.

Mein Leistungswille, der immer mein Zugpferd, mein Idealismus, der immer fester Bestandteil meiner Selbst war, lösten sich langsam auf, wie Eis, das durch die Sonne geschmolzen wird, weil Anerkennung, Wertschätzung und Lob einfach ausblieben. Ich empfand diese Entwicklung als mein Versagen, als meine ganz persönliche Niederlage. Es war, als lösten sich meine Selbstsicherheit und mein Selbstbewusstsein auf und ich spürte ganz deutlich, wie ich mich veränderte. Ich hatte keine Idee mehr, worüber ich mir meine Selbstbestätigung holen sollte, war doch Leistung mein Lebensinhalt. Durch die vielen Überstunden hatte ich meine sozialen Kontakte auf fast „Null“ herunter geschraubt, und den Rest an Zeit, der mir außerhalb meiner Arbeit noch blieb, galt meiner Tochter. Dann war da noch der Haushalt und das Einkaufen.

Ein- und Durchschlafstörungen bahnten sich fast täglich ihren Weg durch die Nächte. Tagsüber erlebte ich dem zu Folge immer öfter Leistungseinbrüche. Meine Konzentration und Belastbarkeit ließ phasenweise erschreckend nach. Meine Verdauung bereitete mir zunehmend Schwierigkeiten, ich hatte das Gefühl zu verstopfen. Ständig plagte mich irgend eine Art von Erkältung und ich hatte immer häufiger Kopfschmerzen. Die Wochenenden, an denen ich keine Arbeit mit nach Hause nahm, schienen nie mehr auszureichen, um mich zu erholen. Andauernde Mattigkeit machte sich in meinen Gliedern breit.
Ich erlitt einen Nervenzusammenbruch.

Ein neuer Arbeitsplatz musste her, um aus diesem Kreislauf wieder herauszukommen – ich war sicher, dass das die Lösung all meiner Probleme war.

Voller Enthusiasmus startete ich in meine neue Arbeitsstelle. Ich hatte einen ganz großen Fisch an Land gezogen – zumindest dachte ich das. Ich hatte deutlich höhere Konditionen ausgehandelt, einen schönen Arbeitsplatz und einen sympathischen Chef, der ganz offensichtlich von meinen Leistungen angetan war, nachdem er mir am Probetag eine ganze Seite mit Aufgaben überreichte, die ich in vorgegebener Zeit mit Erfolg vollständig erledigt hatte. Ich war sicher: Dies ist der Anfang einer ganz anderen Ära. Vier Tage später bekam ich die Kündigung - ohne Begründung.

Mir war als führe ich gerade mit einer Achterbahn von ganz oben hinab in die Tiefe. Da stand ich nun ohne Job und konnte nicht begreifen, einfach nicht fassen, was mir das passiert war– von jetzt auf gleich.

Im Jahr darauf Es folgten Arbeitslosigkeit, Weiterbildungen und eine Reihe von neuen Tätigkeiten, die immer niedriger dotiert und meinen Ansprüchen nicht im Ansatz genügten. Irgendwelche Tätigkeiten, einfach um zu überleben und die immer wieder von erneuter Arbeitslosigkeit unterbrochen wurden. Es schien, als hätte ich den Faden, den Boden unter den Füssen verloren. Ich fiel in ein totales Loch der Sinnlosigkeit, der Antriebslosigkeit und von unendlicher Müdigkeit. Körperlich versagte mir mein rechtes Bein, ich konnte nur noch unter starken Schmerzen einen Schritt vor den anderen setzen. Ich bekam eine heftige Bronchitis, die in eine Lungenentzündung mündete. Ich wurde so schwach, dass ich nicht einmal mehr den Duschkopf halten konnte. Immer häufiger litt ich unter akuter Atemnot. Aber etwas in mir wollte und konnte sich nicht eingestehen, dass was passieren musste. "Es muss einfach gehen", redete ich mir ein. "Ich habe schliesslich ein Kind zu ernähren und habe eine Verantwortung. Ich muss es einfach schaffen", so mein innerer Schlachtruf.

Ein letztes Mal trat ich eine Stelle an bevor mein Körper zum totalen Gegenschlag ausholte, so als hätte jemand den Stöpsel gezogen und meine Lebenskraft wäre ausgelaufen. Nichts, rein gar nichts hat sich mir mehr erschlossen, die einfachsten Arbeitsabläufe blieben mir ein Rätsel, ein Blackout folgte dem anderen. Mich quälten Schlaflosigkeit, Übelkeit und Bauchschmerzen, Existenzängste wurden zum täglichen und unerträglichen Begleiter, Panikattacken überfielen mich, unvermittelt suchten mich Weinkrämpfe heim. Ich war nicht mehr wieder zu erkennen.

Ich kapitulierte.

Erst jetzt und zähneknirschend, hilflos wie ein kleines Kind - machtlos - gestand ich mir ein: Das Ende der Fahnenstange ist erreicht - nichts geht mehr.

Ich brauche Hilfe!

Ich wurde krank geschrieben mit der Auflage meiner behandelnden Ärztin, mir umgehend eine Klinik zur stationären Aufnahme, einen Psychotherapeuten und Neurologen zu suchen.

Mein Arbeitgeber kündigte mir, nachdem ich ihm mitteilte, dass ich an Burnout erkrankt war.