Anfänge des Burnouts

altDer Durst der Seele ist qualvoller als der Durst, der sich mit Getränken stillen läßt, und die Angst der Seele ist qualvoller als die Sorge um die Sicherheit des Leibes.

(Khalil Gibran)

Als ich an diesem Wendepunkt, an meiner ganz persönlichen Kreuzung stand, blickte ich für einen Moment lang zurück, mit einem ohnmächtigen Schmerz in meinem Bauch und der Frage: Wie konnte es nur so weit kommen?

Mir huschten Gedanken, wie in einem ICE sitzend, durch meinen Kopf: Ich hatte zu viel von mir verlangt, ich bin immer gerannt, habe nie angehalten, immer voran, immer schneller, immer höher, immer weiter, schien die Devise zu sein. Ich habe nicht für mich selbst gesorgt - bis zum Erliegen.

So konnte es nicht mehr weitergehen. Ich empfand keine Freude mehr, nur noch diese innere Leere. Ich fühlte mich aufgefressen, ich fühlte mich so einsam in der Mitte meines Lebens. Mir war alles zu viel. Ich hatte keine Ahnung, wie ich da wieder raus kommen sollte.

Ängste machten sich breit und ich sah in ein großes schwarzes Loch, dessen Schlund sich weit öffnete und drohte mich zu verschlingen. Aber, das ist mein Job, dachte ich. Ich musste den Lebensunterhalt verdienen, um mein Kind und mich zu ernähren, wenn ich den schmeiße, dann bin ich weg vom Fenster und mit mir meine Tochter.

Ich kämpfte mit meinen Schlafstörungen, wurde zunehmend dünnhäutiger. Tags konnte ich mich immer weniger konzentrieren, ich machte Fehler und wusste nicht mehr, wie ich mit ihnen umgehen sollte. Am Abend wenn ich im Bett lag, überkamen mich Weinkrämpfe. Ich überfiel meine Tochter immer häufiger mit Wutanfallen, aus keinem ersichtlichen Grund. Zorn stieg in einem unermesslichem Maße in mir auf, plötzlich, unerwartet. Hemmungslos machte er sich in mir breit und brach sich den Weg nach draußen. Er packte mich, schleuderte meinen Verstand gegen die Wand, um sich dann im nächsten Moment zu entladen, mit einer solch brachialen Gewalt, die alles um mich herum mit Zerstörung kennzeichnete. Immer weniger glaubte meine Tochter mir meine unter Tränen hervorgebrachten Entschuldigungen nach diesen erbarmungslosen Wellen.

Meine Verzweiflung über meinen totalen Kontrollverlust ging bis ins Unerträgliche, für einen Menschen nicht mehr Aushaltbare. Die komplette Erschöpfung war mein Begleiter geworden. Ich war nicht mehr Herr über meinen Geist, nicht mehr Herr über meine Gefühle, nicht mehr Herr über meinen Körper.

Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Ich hatte mich aufgegeben. Ich fühlte nur noch Leere. Ich versteinerte zusehends. Und trotzdem – konnte ich nicht loslassen. Ich war gefangen in der Angst, zu versagen. Mein Tagesablauf spielte sich zwischen meinem Leid und meinem „mich zusammenreißen“ ab. Ich musste es einfach schaffen, alles unter Kontrolle zu haben, ich musste meine Persönlichkeit vorteilhaft präsentieren, um nicht zu zeigen, wie es wirklich in mir aussah und ich wollte mich ja um alles kümmern. Kannte kein Maß und Mittel mehr.

Und am Ende habe ich nicht mehr gebrannt. Für nichts mehr, für niemanden mehr und auch nicht mehr für mich. Ich war verbrannt. Ich hatte mich verloren.

Kein Morgen wie jeder andere

Es war an einem Morgen – ein Morgen wie jeder andere, so schien es.

Doch an diesem Morgen war nichts mehr so, wie es war oder zumindest habe ich das zu diesem Zeitpunkt geglaubt, dass es vorher noch nie so war. Dabei war es das Ende eines fast 25-jährigen Kampfes mit mir selbst, den ich an diesem Morgen verlor.

Irgendwo, ganz weit weg, hörte ich ein unaufhörliches Piepen, dass sich erst wie durch Watte und dann wie durch einen langen dunklen Tunnel von ganz tief unten bis zum Innern meines Ohrs empor bohrte in einer Aufdringlichkeit, die fast weh tat. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis dieses Piepen tatsächlich meine Ohren erreichte und mir bewusst wurde, dass es sich um das Geräusch meines Weckers handelte – ich hörte dieses Signal jeden Tag, weil es mich daran erinnerte, dass es Zeit wurde aufzustehen, um das Frühstück für meine Tochter zu machen, sie zu wecken und mich dann selbst für den Arbeitstag herzurichten – und an diesem Morgen kam es mir so unendlich fremd vor. Ich richtete mich auf und saß mit hängendem Kopf im Bett. Der einzige, der wahrhaft einzige Gedanke, der mir an diesem Morgen durch meinen Kopf fuhr, war: Ich KANN nicht! Ich KANN nicht! Ich KANN und ich WILL nicht mehr aufstehen!

Eine ganze Weile saß ich so da. Ich saß da und ich war erfüllt von einer noch nie da gewesenen Leere. Mein Körper war wie eine mir Fremde. Dumpf, bewegungslos, matt und müde. Diese Müdigkeit! Als hätte ich monatelang nicht geschlafen. Kein Leben in meinen Gliedern. So wie das Wasser, nachdem man den Stöpsel aus dem Waschenbecken gezogen hatte abläuft, so schien es mir, als sei das Leben aus mir herausgelaufen. Ich fühlte nichts. Ich fühlte nicht die Temperatur des Raumes um mich herum, die meine nackten Arme streifte, ich fühlte kein Erstaunen über meine Unfähigkeit, mich nicht aufrichten zu können, ich fühlte keinen Schmerz, ich fühlte keine Traurigkeit, ich fühlte mich nicht mehr.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, bis ich mich in den Raum zurückholen konnte. Ich weiß nur, dass der Gedanke blieb. Ich richtete mich langsam auf, mit einer solchen Schwere, die mich wünschen ließ, ein Lastenheber stünde mir zur Seite, um meinen schlaffen Gliedern eine Krücke zu sein.

Mit mir zutiefst vertrauten Bewegungen, die wie automatisch den Ablauf zeichneten, richtete ich das Frühstück für meine Tochter, kochte Kaffee und weckte sie dann. Als meine Tochter im Badezimmer verschwand, um ihre Haare mit einem Lockenstab in Schwung zu bringen, saß ich nur da und glotzte. Ich sah meine Tochter, wie sie herum hantierte, ihre Wimmern anstrich, ihr die Haare – jetzt in Locken gelegt – beim Anziehen ins Gesicht fielen, sie ihr Pausenbrot und eine Flasche Wasser in ihre Tasche für die Schule steckte, sie sich ihre Schuhe anzog und mit einem Schwung ihre Jacke von der Garderobe nahm, um sich diese schnell noch überzuwerfen, bevor sie mit einem Luftkuss und einem „Tschüss Mama“ die Haustür hinter sich schloss. Ich starrte vor mich hin, als hätte sich soeben vor mir ein Film abgespielt, in dem ich keinerlei Rolle spielte. Unbeteiligt, aus der Ferne, nicht hier. Ich saß einfach da und starrte vor mich hin.

Schließlich sah ich mir zu, wie ich mich vom Stuhl erhob, das Telefon nahm und meinen Arbeitgeber anrief, um ihm mitzuteilen, dass ich nicht zur Arbeit käme, weil es mir nicht besonders gut ginge.

Tief in mir wusste eine Instanz, dass sich mit diesem Morgen alles in meinem Leben ändern würde, ich alles bis dahin Geschehene werde in Frage stellen müssen und ich nicht zurückkehre in das Leben, was ich bis zu diesem Moment gelebt hatte

Die letzten Zuckungen gegen das Gefühl einfach nicht mehr zu können, aufzubegehren, durchdrangen meinen Verstand in einer so unangenehmen Weise, dass dieser zum Erliegen kam. Ich folgte unwillkürlich dem Ruf meiner ausgebrannten Seele, die inständig um Gnade flehte. Ihre Stimme war anfänglich ganz leise, zaghaft, ja fast zärtlich. Und dann wurde sie fester, klarer, deutlicher. Du legst dich jetzt einfach hin und ruhst dich aus. Was anderes ist dir nicht mehr möglich. Keinen Termin wahrnehmen, nicht das Aufnehmen des Telefons, das ununterbrochen zu klingeln scheint, keine Kunden, die irgend etwas wollen, nicht die demotivierenden Vorträge meines Vorgesetzten. Nicht die bösen Seitenblicke meiner Kolleginnen ertragen, keine Angst haben müssen, dass sich mir ein Zusammenhang nicht erschließen könnte und keine Angst mehr vor Fehlern. Keine Panik mehr, keine Luft mehr zu bekommen. Keine Erklärungen und Rechtfertigungen mehr. Keinen Zeitdruck. Es war mir von einen eigenartigen Gleichgültigkeit, was mein Chef nun von mir denken würde und was aus meinem Job wird. Schließlich war dies ein neuer Job, einer von so vielen neuen Jobs in den letzten zwei Jahren. Ich war noch in der Probezeit. Egal. Mir war alles, wirklich alles egal. Die Müdigkeit war so groß. Sie war größer geworden, als alles andere. Sie hat mich mitgerissen, sie hat mich verschlungen. Ich konnte nicht gegen sie an, ich konnte nichts mehr daran ändern. Ich MUSSTE einfach schlafen. Endlich Ruhe!Meine Tochter ist in der Schule. Es dauert Stunden, bis sie zurück kommen wird. Die Müdigkeit wurde zu meinem ständigen Begleiter, der Schlaf zu meinem „besten Freund“. Ich konnte Menschen um mich nicht mehr ertragen, die vielen Worte, die sie machten nicht mehr hören. Die schiere Anwesenheit anderer Menschen ließen mich gereizt reagieren. Das Klingeln an der Tür empfand ich als störend und das Klingeln des Telefon als unerträglich. Jeden einzelnen Handgriff empfand ich als einen körperlichen Schmerz. Ich wollte nichts mehr hören, nichts mehr sehen, nichts mehr machen. Die letzte Kontrollfunktion meines Selbst war noch, dass ich glaubte, ich müsse meiner Tochter nach wie vor ein Leittier sein und versuchte ich so gut ich konnte, meinen Zustand während ihrer Anwesenheit zu verbergen. Doch letztlich musste ich erkennen, dass sich meine Tochter damals immer mehr von mir distanzierte, weil sie einerseits rein äußerlich an mir ja nichts erkennen konnte, da ich es verbarg und sie andererseits doch spürte, dass ihre Mutter nicht mehr die Gleiche war und irgend etwas nicht stimmte. Das muss sie sehr irritiert haben und diese Irritation hat sich in unsere Beziehung zueinander eingenistet.

Dieses unendliche Leid, welches ich verspürte, die unsägliche Einsamkeit, die in mir und um mich herum war, nahmen mir jegliche Hoffnung, dass es jemals anders sein könnte. Es gab so viele Abende, in denen ich heulend unter der Dusche stand – in der Hoffnung, niemand würde es hören – und ich der Verzweiflung so schrecklich nahe war. Ich hatte keine Ahnung mehr, wo oben noch unten ist, wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Ich spürte nur, was ich immer und immer wieder schon unzählige Male vorher verspürte, dass mir die Kraft fehlt – für alles die Kraft fehlt. Und wenn ich nicht schlief, dann bohrten sich Gedanken durch mein Gehirn, alles drehte sich und sie fuhren wie wild Achterbahn durch meinen Kopf. Es hörte einfach nicht auf. Immer und immer wieder fing es vorn an zu denken. Es war furchtbar.

Dann geschah etwas, was ich nie zuvor für möglich gehalten hätte: Ich ließ einfach los. Die Entscheidung, den alten Weg zu verlassen, wurde zu meiner festen Absicht und ging über in die totale Akzeptanz dessen, was jetzt ist. Das war nur möglich, weil mein Leid so groß war, dass es keine Steigerung mehr geben konnte – ich hatte mich bereits verloren. Es gab nichts mehr zu verlieren. Weiter unten konnte ich nicht sein, ich lag am Boden.